Abgabe von älteren Hunden
Neulich wurde ich erst als Produzentin, dann als Vermehrerin betitelt.
Und gefragt, was es wohl über mich aussagen würde, dass ich in kurzer Zeit so viele Hunde abgegeben habe.
 
Wie übrgriffig das ist, ist eine Frage.
Wie dumm und ignorant, eine andere.
 
Wir haben tatsächlich mehrere Hunde importiert und nicht behalten.
Warum? Das ist recht einfach beantwortet. Sie waren aus meiner Sicht, aus verschiedenen Gründen, nicht für die Zucht geeignet.
 
Es gibt Züchter, die nehmen alles in die Zucht, was die Mindestanforderungen erfüllt und die Zuchtzulassung erhält.
Das ist über alle Rassen häufig zu beobachten. Mal kann man sich emotional nicht trennen, mal reicht einem das, weil man ohnehin kein
genetisch basiertes Zuchtziel hat. Mal hat man einfach soviel Zeit und Geld investiert und andere machen es ja genauso.
 
Dann habe ich mich gewagt, eine Zuchthündin nach ihrem vierten Wurf kastrieren zu lassen und auf einen tollen und Schipperke-erfahrenen Einzelplatz zu geben. Vierjährig.
Im Normalfall hätte sie bis dato drei Würfe gehabt. Sie wurde aber sehr früh ungeplant das erste mal gedeckt und wir haben den letzten Wurf vorgezogen (unter Berücksichtigung der für uns gültigen Zuchtordnung).
Es war für uns, ja, da hat auch mein Mann Mitspracherecht, von Anfang an klar, dass es mit meinem Zuchtziel nicht möglich ist, alle Hunde zu behalten.
Denn ich kann eben nicht so viele Hunde halten und ihnen allen noch gerecht werden. Unsere Hunde sind alle sehr auf uns fixiert, wie jeder weiß, der schonmal bei uns war.
Es läuft hier keiner mal eben so nebenbei mit.
Diese Hündin hat also nun mit vier Jahren ihren Endplatz und ist dort glücklich und zufrieden, voraussichtlich die nächsten zehn bis zwölf Jahre.
 
Beim Abholen ist sie mitmarschiert ohne sich auch nur einmal umzudrehen und lag schon abends entspannt mit allen vieren nach oben auf der Couch und hat ihre Streicheleinheiten genossen. Natürlich geht das nicht mit jedem Hund. Übrigens wurde von den Besitzern explizit nach einem erwachsenen, aber nicht alten Hund gesucht.
 
Unsere Kastratin Twix wäre mit einem Halterwechsel unglücklich und deshalb bleibt sie bis zum Ende ihrer Tage. Wir entscheiden das schon anhand dessen, ob der Hund damit problemlos glücklich wird oder nicht.
 
Wir starten mit unseren Hündinnen eher früh in die Zucht und nehmen sie auch früh aus der Zucht. Hier hat jeder seine eigene Philosophie und Entscheidungsfreiheit. Meine Erfahrungen damit sind bestens. Andere haben andere Erfahrungen. Beide Entscheidungen können gut oder schlecht sein. Und von Hund zu Hund unterschiedlich sein.
Auch das sollte man natürlich erkennen können.
 
Es ist auch nicht so, dass der Hund nach Abgabe es dann "besser hat". Nein, sie war hier auch glücklich. Es ist einfach anders und beides hat seine Vor- und Nachteile für den Hund.
Hier muss man viel Aufmerksamkeit teilen, dafür hat man ständig Artgenossen um sich herum und es wird einem nie langweilig.
Im neuen Heim entfällt viel Stress dadurch, dass man nicht mehr teilen muss und das Rudel kontrollieren. Dafür muss man auch mal ganz alleine bleiben.
 
Dann habe ich meinen Augenstern Button abgegeben. Button hat in kurzer Zeit 8mal gedeckt gehabt. Leider gehört er zu den Rüden, die damit eben nicht gut zurechtkommen.
Er hat bei jedem Klingeln an der Haustür angefangen, das Haus nach Hündinnen abzusuchen, die zum Decken gekommen sind.
War eine meiner Hündinnen läufig, hat er gute acht Tage nichts gefressen (da habe ich dann mit NutriCal gearbeitet). Und nachts vibrierend neben mir im Bett gelegen.
Eine hochgradige Form von Stress.

Jetzt gab es drei Möglichkeiten:
1. Naja, ist halt Natur, hat er Pech.
2. Ich lasse ihn kastrieren. Schaffe mir Stress zwischen meinen beiden Rüden. Und weiß auch nicht, ob es überhaupt etwas bringt, da es genügend Kastraten gibt, die sich noch immer für potent halten und agieren wie unkastriert.
3. Ich lasse ihn dahin ziehen, wo dieses Problem nicht besteht. Auch die kontextbezogenen Erfahrungen verschwinden mit einem mal.
 
Dann hat uns ein großer Hund gefehlt, nachdem Lola verstorben war. Wir haben lange überlegt, was hier passen könnte. Und kamen auf den Großpudel.
Leider leider leider hat unsere Großpudelin die kleinen schwarzen als Spielball angesehen. An der Rute durch die Gegend gezogen etc. Haben die Schipperke dann, durchaus ja älter und berechtigt dazu, gesagt, stop, so nicht, ist sie bocksteif geworden und die Fetzerei ging los. Die einen im Recht, aber körperlich unterlegen, die andere im Unrecht, aber körperlich überlegen.
 
Auch hier gab es für mich wieder drei Möglichkeiten:
1. Natur, die klären das schon unter sich (mit der Gefahr, tödliche Verletzungen bei meinen Schipperke zu riskieren)
2. Ich haue wahlweise solang auf den Pudel, bis er es lässt, muss aber trotzdem trennen, wenn ich nicht dabei bin oder trenne dauerhaft.
3. Ich erkenne, dass es absolut nicht harmoniert und gebe die Hündin an den Züchter zurück (der natürlich nicht begeistert war, aber die Problematik erkannt hat).
 
Für uns war die Entscheidung schwer, aber logisch. Mit sieben Monaten kommt noch einiges und einen Hund, der ja eigentlich dabei sein will, dauerhaft wegzutrennen, kommt für uns nicht in Frage. Man kann erziehen, aber Wesenszüge nicht verändern. Und mit diesem ungleichen Kräfteverhältnis möchte ich mich auch nicht auf Experimente einlassen.
Konsequenz für uns ist, es zieht hier kein andersrassiger Hund mit so einem differenten Größen-/Kräfteverhältnis mehr ein. Lehremotionen sind bezahlt.
 
Rückblickend hat keiner der von uns abgegebenen Hunde getrauert oder es schlechter als bei uns - das ist ohnehin Voraussetzung für eine Abgabe, ob Welpe, Junghund oder adulter Hund.
 
Und nun komm ich zu der Frage, die ich allen stellen möchte, die Menschen bashen, die einen älteren Hund abgeben. Und zwar mal ganz unabhängig von dem Grund, ob nun Züchter, Sportler oder "ziviler" Hundehalter.  
Warum seht ihr das als so furchtbar für den Hund abseits des Welpenalters, wenn er seinen Wirkungsstätte wechselt, seht es aber als völlig unproblematisch, wenn ein Welpe seine Wirkungsstätte wechselt?
 
Bei einem Welpen ist es nicht natürlich, den Familienverbund mit acht bis zehn Wochen zu verlassen. Alleine käme er niemals auf die Idee. Auch die Mutter und die anderen Rudelmitglieder kämen niemals auf die Idee, den Welpen zu diesem Zeitpunkt aus dem Rudel auszuschliessen. Auch wenn die Mutterhündin sich zunehmend aus der Beschäftigung mit den Welpen zurückzieht (vor allem, wenn weitere Hunde im Rudel leben), so kann man sich doch sicher sein, dass sie alles rund um ihre Welpen im Auge hat und bei Gefahr im Verzug sofort eingreift.
 
Dass wir Welpen so früh abgeben liegt daran, dass er sich der neuen Familie gut anbinden soll und ein Züchter selten in der Lage ist, dem Wurf und damit dem einzelnen Welpen über viele Monate alles das nahezubringen, was er für ein Hundeleben in unserem Alltag kennenlernen sollte.
Die Züchterschaft hat viel gelernt und die Wissenschaft ist sich ziemlich einig, dass eine Abgabe mit acht bis zehn Wochen so ziemlich das dümmste ist, was man machen kann. Die siebte Woche (auch hier kann es minimale Abweichungen geben) vor der Angstphase wäre der früheste Zeitpunkt, wenn man es dem Welpen einfacher machen möchte. Oder eben nach Beendigung der Angstphase, die unterschiedlich spät enden kann, jedoch nicht vor der zwölften Woche.
Wir werden immer besser darin, Welpen auch mit acht bis zehn Wochen so vorbereitet abzugeben, dass sie keinen Trennungsschmerz empfinden und die kleine Welt nicht zusammenbricht. Bei einigen Rassen klappt das besser als bei anderen und auch innerhalb eines Wurfes kann es Unterschiede geben. Auch da ist wieder der Züchter gefragt, das zu erkennen - auch im Zusammenspiel damit, in welche Lebensumstände der Welpe ziehen wird (Erfahrung des neuen Besitzers, weitere Hunde vorhanden, etc.pp.).
 
Wenn meine Welpen ausziehen, habe ich natürlich jedesmal eine kleine Sorge, ob auch alles gut verlaufen wird und die ersten zwei Tage sitze ich wie auf Kohlen, bis ich weiß, es läuft wie es soll.
Bei einem älteren gefestigten Hund, am Anfang der Geschlechtsreife und auch später, ist es viel natürlicher bis natürlich, die Wirkungsstätte zu wechseln.
Wie schon oben geschrieben, das ist keine allgemeingültige Regel, es gibt immer Ausnahmen in alle Richtungen, da es sich um Lebewesen handelt und nicht um Sachobjekte.
 
Vielleicht mag der eine oder andere mal ganz sachlich darüber nachdenken.
Und ja, ich zucke auch jedesmal zurück, wenn eine achtjährige Hündin nach der Zucht die Familie wechselt.
Aber ich kenne die Gründe nicht und kann nicht beurteilen, ob das für den Hund besser oder schlechter ist.
Im Zweifel wird der Züchter sich dabei etwas gedacht haben und wissen, dass es dem Hund nicht schadet.
Tatsächlich kenne ich auch solche Hündinnen, die ich selbst während ihrer Zuchtzeit glücklich beim Züchter gesehen habe und nun glücklich im neuen Heim.
 
Ein menschliches Ups ist ganz normal und in Ordnung.
Ein vorschnelles Verurteilen ist leider auch ganz normal. Aber nicht schön und von besonders viel Horizont zeugt es auch nicht.
 
Ich brauche keine Absolution und auch keine Vorverurteilung in dem Duktus wie eingangs wiedergegeben.
Also warum erkläre ich mich mal wieder und lasse in der Öffentlichkeit die Hosen runter?
 
Bei vielen anderen Züchtern liest man Deckmeldungen erst nach positivem Ultraschall, Wurfmeldungen erst nach ein paar Tagen, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass Welpen noch versterben abnimmt, Neuzugänge werden erst dann vorgestellt, wenn man weiß, dass Zähne und co in Ordnung sind und eine spätere Zuchtzulassung wahrscheinlich. Wieviele Hunde dort leben, ist mehr als nebulös. Besucher werden erstmal nur auf einem Spaziergang empfangen und nicht ins häusliche Umfeld gelassen, bis klar ist, dass sie einen Welpen kaufen wollen etc.pp.
Das wäre so einfach, es so zu handhaben.
 
Aber ich hasse Ungerechtigkeit, Unverständnis, bin harmoniesüchtig. Bis zu so einer Entscheidung vergehen Monate und natürlich frage ich mich immer wieder, war es richtig oder nicht - es nagt an mir. Den Hund zu vermissen. Und dann noch emotional nachgetreten zu werden.
Aber wenn so eine bornierte Anfeindung dann dazu führt, dass ich es schriftlich aufarbeiten will und im Nachgang der eine oder andere darüber nachdenkt und vielleicht seine Haltung ändert -und wenn es nur einer ist- hat es für mich wenigstens einen Sinn gehabt.
 
Und ich bin mir ganz sicher, dass jeder vor seiner eigenen Haustür genug zu kehren hat.
Wenn ich in den vielen Hundejahren eines für mich zu menschlicher Verwendung gelernt habe,
ist es, dass man nie urteilen sollte ohne die Hintergründe zu kennen.
Wie oft habe ich Dinge verurteilt, in deren Situation ich noch nie war, sie später aber, nachdem ich in der gleichen Situation war, doch nachvollziehen konnte.
 
In diesem Sinne, einen schönen Sonntag ...
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