Die Rasse verbessern

Vor einiger Zeit ging ein recht langer Artikel viral, Alexandra Gav hat einige ihrer Gedanke anlässlich ihres Zwingergeburtstages zu Papier gebracht. Die deutsche Übersetzung findet ihr hier: https://www.goldenmerlo.de/lass-uns-reden-mein-hundezuechter-freund/

 

Grundsätzlich stimme ich ihr zu. Allerdings in einem Kernpunkt ihres Artikels nicht.

Ich meine, der Wunsch muss sein, die Rasse zu verbessern. Und ja, damit bin ich so verwegen, die ganze Population zu meinen. Denn jedes einzelne Individuum zählt.

Und auch, wenn beispielsweise ich behaupte, dass ich an meinem jungen Rüden nichts verbessern könnte und dankbar bin, wenn ich Hunde mit annähernd seiner Qualität züchten kann, verbessere ich genau damit die Rasse.

Was besser ist als der Durchschnitt ist nunmal ....? Genau: besser.

Und wenn ich verschiedene Hunde importiere und mich nicht auf dem ausruhe, was in meinem Land alle züchten, wenn ich unpopulär auch mal Hunde mit Fehlern einsetze um den Genpool nicht weiter einzuschränken, dann verbessere ich die Rasse.

Und in dem Punkt und in allen anderen, stimme ich ihr absolut zu. Was sie dort schreibt, entspricht der traurigen Wahrheit. Tief gefallen sind wir alle schon, die das ein bisschen länger machen. Wir wurden von Welpenkäufern, Züchterkollegen, Richtern, Clubmitgliedern belogen und ge-/enttäuscht. Wir wollten alles hinschmeissen.

Wir haben Hunde abgegeben, die wir im Nachhinein vielleicht doch besser in der Zucht eingesetzt hätten. Vielleicht hatten sie kleine Fehler, vielleicht haben sie optisch nicht so gefallen, aber ihre Gene sind nun weg.

Wir haben Welpen begraben müssen, wir haben erwachsene, junge Hunde gehen lassen müssen. Wir haben Entscheidungen getroffen, über die wir besser niemals laut reden, die nur deine Beziehung belasten, weil es dort und nur dort aufgearbeitet werden muss, da deine unpopuläre Meinung dich öffentlich direkt Kopf und Kragen kosten würde.

Du versuchst ehrlich zu sein, aber wehe, du bist es. Alle wollen von dir Insiderwissen, aber ihre Geheimnisse darfst du selbstverständlich nicht weitererzählen.

Warum eigentlich nicht, glaubt hier ernsthaft jemand, auch nur einer von uns hätte nur fehlerlose Hunde gezüchtet? Solange man sich dessen bewusst ist und genau überlegt, was man da nun ausschliesst, ist man noch im grünen Bereich. Fängt man aber an, im Phänotyp fehlerhafte, aber gesunde Hunde (ich meine nicht grobe Gebäudefehler, die den Hund negativ beeinträchtigen, wobei man auch da abwägen kann, wenn man "ahnt", wie und wo sich das wieder zeigen könnte) gegen im Phänotyp fehlerlose, aber kranke Hunde auszutauschen,

dann ist man dabei seine ach so geliebte Rasse zu zerstören.

Anstatt dem auf Ausstellungen erfolgreichen Züchter nachzueifern, such selbst nach einem vielversprechenden Welpen einer anderen, vielleicht einer bei euch unpopulären Linie. Der Erfolg wird dir noch besser schmecken, wenn du dafür mutig warst und nicht nur ein (meist schlechterer) Imitator bist, der der Rasse nichts neues gibt.

Wir wissen alle, es kostet einen Haufen Geld. Kauf und evtl. Import, Aufzucht, Untersuchungen, Ausstellungen usw.. Abgesehen von Nerven, Zeit und nicht zuletzt, dem Herzblut und der Liebe. Züchter werden dir böse sein, wenn du IHREN Welpen irgendwann in eine Familie platzierst, weil du feststellst, du solltest ihn nicht (mehr) in der Zucht einsetzen.

Interessenten werden dich als kalt titulieren, wenn du einen Hund abgibst. Seltsamerweise ist es aber okay, wenn du 8 bis 12 Wochen alte kleine Welpen in die Welt verkaufst. Wobei auch das schon schwierig ist, denn sie "könnten die niemals abgeben, sie könnten nicht züchten".

Oh doch, das könnten sie. Nach 12 Wochen Dauerstress, Sorgen, und zwar richtigen Sorgen und Angst um deine Hündin und die Welpen, Adrenalin bei jedem nicht ganz so festen Häufchen, Dreck, Dreck und nochmals Dreck gemischt mit Kot und Urin in wechselnder Zusammensetzung, einem Lagerkoller, weil du kaum noch vor die Haustür kommst, zerstörtem Mobiliar. Es tut dir weh, die Welpen ziehen zu lassen. Aber du atmest auch auf und bist dankbar, deine Stammhunde wieder auf die Nummer eins zu setzen und einfach mal die Füße hochzulegen.

Und dann kommen die Probleme. Telefon: Hallo Züchter, mein Welpe hat Durchfall, verträgt sich nicht, hat Angst, hat Husten, hat sich Giardien eingefangen (nein, wahrscheinlich hatte er die schon, nur sein Immunsystem hat denen eine Lücke aufgemacht). Mein Tierarzt hat dies und jenes gesagt (und du weißt genau, er macht sich die Taschen voll und es beinhaltet viel Meinung und Fantasie, was er von sich gibt).

Bis der Moment kommt, an dem du dich nicht mehr nur freust, von deinen Welpenkäufern zu hören, sondern sehr ambivalent fühlst, siehst du ihre Nummer auf dem Display.

Sind es immer die gleichen Probleme, hast du etwas falsch gemacht. Bei deiner Käuferauswahl, bei deiner Zucht. Oder vielleicht gleich bei der Rasse UND dem vorgenannten (so mir geschehen).

Und jetzt bist du verdammt frustriert und wendest dich an dein Züchter-Vorbild, deinen ach so tollen Mentor. Und du stellst fest, das erste mal redet ihr offen miteinander und auch er hat die Sch.... schon mit dem großen Löffel gegessen und Leichen im Keller.

Warum hat er dir das vorher nicht gesagt? Weil du es nicht verstanden hättest. Und du wolltest auch nicht wissen, wie es ist einen zwei Tage alte Welpen zu begraben oder die Entscheidung zu treffen, ihn gehenlassen zu müssen. Zu sehen, dass dein Welpe rumgereicht wird. Dass er verschlissen wird. Du wolltest nicht vorher wissen, wie es ist, wenn ein Welpe nicht trinkt und wie dich das nervlich belasten wird, wenn die Waage täglich ein paar Gramm weniger anzeigt. Wenn ein ganzer Wurf Durchfall hat. Das stellst du dir (noch) nicht vor.

Wie es ist, wenn du zum Decken fährst und der Rüde ist zu blöd zum Decken. Dass es das gibt, hat dir auch keiner gesagt und du hättest es auch nie gedacht, denn schliesslich hat Ch. Fido, der erste, schon zig Würfe gebracht. Dass man die Hündin festhalten muss und ihn draufheben oder mit der Sahnespritztüte deine Hunde in der Küche besamt, das hat natürlich keiner gesagt, obwohl es alle wissen, die schon zum Decken dort waren. Und dich auf dem Absatz umzudrehen, DAS braucht wirklich Rückgrat. Und sei dir sicher, es lag an deiner Hündin, du bist der erste dem das passiert ist. Der Rüdenbesitzer und alle die schon zum Decken dort waren, werden dich teeren und federn.

Deine Hündin hat kaum Milch und egal was du tust, da kommt auch nichts. Dein Mentor sagt dir, was er dann immer tut. - Moment, was er dann immer tut? Das Problem ist bekannt? Wieso wusstest du das nicht? Wieso werden die milcharmen Hündinnen nun schon in der vierten Generation zur Zucht eingesetzt?

Alle haben das gewusst, nur du nicht. Und das trifft traurigerweise wahrscheinlich sogar ziemlich zu.

Wenn du das alles wegsteckst, dabeibleibst, deinen Hunden und dir treu bleibst, lernst, nicht alles übernimmst, was schon immer so gemacht wurde, dich nicht beirren lässt, dann verbesserst du die Rasse schon, in dem du wenigstens ehrlich bist zu den neuen.

Sammel deine Erfahrungen und bitte teile sie. Lass nicht alle nachfolgenden in die gleichen Messer laufen und die gleichen Fehler machen.

Und wenn du neu bist, frag bis du Fransen am Mund hast und die anderen Fransen an den Ohren. Es gibt die Züchter, die es dir erzählen. Du musst sie nur finden. Sammle jedes Körnchen und schreibe es dir auf. Und wenn du aus der Zucht aussteigst, weil du nicht mehr kannst oder alt bist, bitte bitte übergebe dein Wissen an die Züchter, die noch aktiv sind. Auch dein Wissen wird irgendwann wichtig sein.

 

Diese Artikel stammt aus Oktober 2019. Lange habe ich überlegt, ob ich ihn überhaupt veröffentlichen soll. Heute lief er mir wieder über den Weg und jetzt darf er ...

 

 

 

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